24.07.2026

EU ETS in der Schiff­fahrt: Ri­si­ken und Lö­sungs­an­sät­ze bei der Kos­ten- und Haf­tungs­ver­tei­lung

Schnell ge­le­sen:

  • Durch die In­te­gra­ti­on der Schiff­fahrt in das EU-Emis­si­ons­han­dels­sys­tem ent­wi­ckeln sich CO₂-Kos­ten zu­neh­mend zu ei­nem be­deu­ten­den wirt­schaft­li­chen Fak­tor in­ner­halb in­ter­na­tio­na­ler Char­ter­mo­del­le.
  • Für Ree­der, Char­te­rer und Be­trei­ber wird die prä­zi­se Aus­ge­stal­tung von ETS-Clau­ses, ins­be­son­de­re zur Kos­ten- und Haf­tungs­ver­tei­lung, da­her zu ei­nem we­sent­li­chen Be­stand­teil mo­der­ner Ri­si­ko­steue­rung. Auf­grund der Dy­na­mik der kom­men­den Jah­re müs­sen Ver­trags­wer­ke kon­ti­nu­ier­lich an­ge­passt und wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den.
  • Ver­stö­ße ge­gen die ETS-Vor­ga­ben kön­nen nicht nur fi­nan­zi­el­le Sank­tio­nen nach sich zie­hen, son­dern es kom­men auch wei­te­re Maß­nah­men, bis hin zu ei­nem Aus­schluss be­trof­fe­ner Schif­fe vom Zu­gang zu EU-/E­WR-Hä­fen, in Be­tracht.

Seit 2024 wird die Schiff­fahrt schritt­wei­se in das eu­ro­päi­sche Emis­si­ons­han­dels­sys­tem ein­be­zo­gen. Be­trof­fen sind ins­be­son­de­re gro­ße Schif­fe ab 5.000 BRZ, die EU-Hä­fen an­lau­fen.

Er­fasst wer­den da­bei:

  • 100 % der Emis­sio­nen auf Fahr­ten in­ner­halb der EU,
  • so­wie 50 % der Emis­sio­nen auf Fahr­ten zwi­schen EU- und Nicht-EU-Hä­fen.

Zu­nächst muss­ten für das Jahr 2024 nur Zer­ti­fi­ka­te für 40 % der er­fass­ten Emis­sio­nen ab­ge­ge­ben wer­den. Für das Jahr 2025 stieg die­ser An­teil auf 70 %, be­vor ab 2026 bzw. mit der Ab­ga­be im Jahr 2027 die voll­stän­di­ge Er­fas­sung von 100 % er­reicht wird.

Die Ver­pflich­tung zur Ab­ga­be von Emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­ten trifft for­mal die „ship­ping com­pa­ny“ im Sin­ne der ETS-Re­gu­lie­rung. In der Pra­xis han­delt es sich da­bei häu­fig um den tech­ni­schen oder kom­mer­zi­el­len Be­trei­ber des Schif­fes be­zie­hungs­wei­se die­je­ni­ge Or­ga­ni­sa­ti­on, die als ISM-Ver­ant­wort­li­che die Ver­ant­wor­tung für den Schiffs­be­trieb über­nom­men hat.

Die re­gu­la­to­ri­sche Zu­ord­nung ent­spricht je­doch nicht zwin­gend der wirt­schaft­li­chen Ri­si­ko­ver­tei­lung in­ner­halb der je­wei­li­gen Char­ter­struk­tur, denn tra­di­tio­nell trägt der Char­te­rer in sol­chen Mo­del­len die va­ria­blen Be­triebs­kos­ten des Schif­fes, ins­be­son­de­re Treib­stoff­kos­ten. Vor die­sem Hin­ter­grund er­scheint es aus Sicht vie­ler Schiffs­eig­ner na­he­lie­gend, auch ETS-Kos­ten dem Char­te­rer zu­zu­ord­nen, da die­se un­mit­tel­bar an die durch den Be­trieb des Schif­fes ver­ur­sa­chen Emis­sio­nen an­knüp­fen.

Al­ler­dings trägt die ETS-Richt­li­nie (Richt­li­nie 2003/87/EG des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes vom 13. Ok­to­ber 2003 über ein Sys­tem für den Han­del mit Treib­haus­gas­emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­ten in der Uni­on und zur Än­de­rung der Richt­li­nie 96/61/EG des Ra­tes) der wirt­schaft­li­chen Rea­li­tät aus­drück­lich Rech­nung. Nach Art. 3gc der Richt­li­nie soll die „ship­ping com­pa­ny“ grund­sätz­lich ei­nen An­spruch auf Er­stat­tung der Kos­ten für Emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­te ge­gen­über der­je­ni­gen Stel­le ha­ben, die für den Be­trieb des Schif­fes ver­ant­wort­lich ist und über Fak­to­ren wie Treib­stoff­ver­brauch, Rou­ting oder Ge­schwin­dig­keit ent­schei­det. Die kon­kre­te Um­set­zung die­ser Kos­ten­wei­ter­ga­be er­folgt je­doch re­gel­mä­ßig erst durch ent­spre­chen­de ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen in­ner­halb der je­wei­li­gen Char­ter­ver­trä­ge. Wes­halb die Aus­ge­stal­tung von ETS-Klau­seln zu­neh­mend an Be­deu­tung ge­winnt.

Ne­ben den ei­gent­li­chen Zer­ti­fi­kats­pflich­ten be­stehen um­fang­rei­che Mo­ni­to­ring-, Re­port­ing- und Ve­ri­fi­zie­rungs­pflich­ten. Die er­fass­ten Emis­sio­nen müs­sen nach den Vor­ga­ben des EU-MRV-Sys­tems do­ku­men­tiert und durch un­ab­hän­gi­ge Prü­fer ve­ri­fi­ziert wer­den. Feh­ler­haf­te oder ver­spä­te­te Mel­dun­gen kön­nen er­heb­li­che fi­nan­zi­el­le und recht­li­che Kon­se­quen­zen nach sich zie­hen.

Dar­über hin­aus wird der An­wen­dungs­be­reich des Sys­tems künf­tig schritt­wei­se er­wei­tert. Ne­ben CO₂ wer­den im Rah­men des MRV-Sys­tems be­reits wei­te­re Treib­haus­ga­se wie Me­than (CH₄) und Di­stick­stoff­mon­oxid (N₂O) er­fasst, die künf­tig auch für die ETS-Com­pli­ance zu­neh­mend an Be­deu­tung ge­win­nen. Dies kann ins­be­son­de­re für Be­trei­ber al­ter­na­ti­ver An­triebs­sys­te­me zu­sätz­li­che wirt­schaft­li­che Aus­wir­kun­gen ha­ben. Au­ßer­dem ist mit ei­ner Aus­wei­tung der Re­ge­lun­gen auf wei­te­re und klei­ne­re Schiffs­ty­pen zu rech­nen.

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Oh­ne kla­re ver­trag­li­che Re­ge­lun­gen be­steht da­her Streit­po­ten­zi­al über die Be­rech­nung re­le­van­ter Emis­sio­nen, den Zeit­punkt der Kos­ten­zu­ord­nung, die Be­schaf­fung von Zer­ti­fi­ka­ten so­wie mög­li­che Ver­zö­ge­rungs- oder Aus­fall­kos­ten.

Vor die­sem Hin­ter­grund ge­win­nen ETS-Clau­ses, wie sie in Form ei­ner Stan­dard­klau­sel bei­spiels­wei­se von der BIM­CO be­reit­ge­stellt wer­den, zu­neh­mend an Be­deu­tung. Gleich­wohl bleibt zu be­den­ken, dass stan­dar­di­sier­te Klau­seln nicht in je­dem Fall die wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen der Par­tei­en voll­stän­dig ab­bil­den. Ins­be­son­de­re bei lang­fris­ti­gen Ver­trä­gen spielt zu­dem die re­gu­la­to­ri­sche Dy­na­mik ei­ne wich­ti­ge Rol­le, da so­wohl das EU ETS als auch er­gän­zen­de Re­gime wie Fue­lEU Ma­ri­ti­me sich der­zeit fort­lau­fend wei­ter­ent­wi­ckeln.

Die Ein­füh­rung emis­si­ons­be­zo­ge­ner Kos­ten ver­än­dert nicht nur Ver­trags­struk­tu­ren, son­dern ge­winnt auch in der ope­ra­ti­ven und stra­te­gi­schen Pla­nung an Ge­wicht. Auf­grund der Han­del­bar­keit der Emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­te am Markt er­ge­ben sich neue Po­ten­zia­le zur Ge­winn­erzie­lung, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­spiel mit mo­der­nen (ef­fi­zi­en­ten) Flot­ten und der Nut­zung al­ter­na­ti­ver Kraft­stof­fe.

Die De­kar­bo­ni­sie­rung der Schiff­fahrt ent­wi­ckelt sich zu­neh­mend zu ei­ner zen­tra­len Fra­ge kom­mer­zi­el­ler Ver­trags­ge­stal­tung, stra­te­gi­scher Ri­si­ko­al­lo­ka­ti­on und lang­fris­ti­ger In­ves­ti­ti­ons­ent­schei­dun­gen auf dem Weg zu ei­ner kli­ma­neu­tra­len Schiff­fahrt.

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